Reise in die Wirklichkeit

Es war eine düstere Novembernacht und ich war allein Zuhause. Der Hund hatte schon ein paar Mal angeschlagen, als er gegen Mitternacht endlich Ruhe gab. Ich wälzte mich noch eine Weile hin und her, hörte das alte Haus ächzen und knarren und war gerade eingeschlafen, als ich spürte, dass es ganz hell im Zimmer geworden war. Ich öffnete die Augen und sah mich um.

Mein Magen und meine Blase kribbelten, als würde ich fliegen. Durch meinen Körper pulste eine lebendige, weder kalte noch warme Energie, die ich nicht als Luft wahrnahm, da ich das Gefühl hatte, nicht atmen zu müssen.

Durch die plötzliche Helle fühlte ich mich nicht beunruhigt. Sie war eher ein buntes Schillern der Dunkelheit als ein eigenständiges Licht.

Diese Intensität des Strahlens hatte ich noch nie erlebt. Ich drehte mich frei im Raum, hatte das Gefühl zu schweben. Um mich her tanzten die dunkel- bunten, sonst einfarbig hellblauen Wände in Wirbeln und Zacken und faszinierten mich. Sie schienen zu atmen.

Ich wandte mich dem Raum zu.

Ja, dies war mein Schlafzimmer. Und doch wieder nicht...

Der Läufer vor meinem Bett war jetzt tiefschwarz und irgendwie gewachsen. Meine uralte, wurmstichige Kommode sah aus, als sei sie gerade aus der Schreinerei angeliefert worden. Ich atmete den Duft frischer Sägespäne und wusste das Aroma des Holzes als Eiche zu deuten. Genussvoll sog ich den Geruch ein, tiefer und tiefer drang ich in das glatt polierte, geölte, massive Holz...dann wurde es schwarz um mich her.   

Ohne sie zu spüren, dachte ich an meine Platzangst.  Nun sah ich, wo ich war: in meinem eigenen Socken-fach. Der Holzduft mischte sich mit dem frischer Wäsche. Auch hier drin war alles so plastisch, es fühlte sich realer an als sonst. Dennoch war mir klar, dass ich mich in einer Art Traum befand.Ich nahm jede einzelne Falte wahr, wusste, zu wieviel Prozent die Gewebe aus Elastan und Baumwolle bestanden- und obwohl mich solche Dinge sonst kaum interessieren, war ich vollkommen fasziniert. Ich wollte alles über diesen Stoff wissen, drang hinein, war umgeben von mit einander verwobenen, armdicken Fäden- hier waren Dünnere darum geschlungen, dort ein Seil aus Gummi- wie ein künstliches Spinnennetz, gewoben von unterschiedlichsten Arten.

Und weiter floss ich hinein in die ineinander verdrehten Fäden, die kleiner und immer kleiner und dünner wurden, bis ich die tanzenden, pulsierenden Feuerbälle sah, mit einander in vielfältigen, an Kristalle erinnernden Verzahnungen verbunden, und sie atmeten, versprühten Leben, waren das Leben selbst, ich wurde Eins mit ihnen, wurde zu ihnen, war voll und ganz pulsendes, überglückliches Leben!

 

Dann dehnte ich mich mit rasender Geschwindigkeit aus, wurde selbst zur Socke, zur Kommode,, zum Schlafzimmer, ja, zu meinem Haus, spürte die Energie all der Lebewesen darin: der Tauben unter dem Dach, einiger Mäuse auf dem Boden, dann ein diffuses Flackern- mal im Bad, mal in der Stube- das war wohl mein guter alter Hausgeist.

Auch einen Menschen nahm ich wahr, einen Menschen, der zu schlafen schien- im Schlafzimmer.

Irgend etwas hielt mich davon ab, ihn anzusehen. Ich betrachtete den Zwinger mit dem schönen, großen Hund darin, dessen Ohren im Schlaf spielten, dann endlich löste sich mein Geist oder immer ich noch war, auch von dieser Form und sah sich um.

Die Nacht war ein blauschwarzes Samtkissen mit strahlend funkelnden Diamanten darin. Sie formten sich zu Gemälden aus Sternenlicht; überall erkannte ich Gesichter und Gestalten. Ich wölbte mich über dem Dorf, den Wäldern, Straßen, Wiesen und Feldern ringsum, höher und immer höher, und ich sah...

Sah in der Schwärze der Nacht selbst ein Gesicht. Das Gesicht einer Frau, wunderschön, uralt und unendlich wie die Nacht selbst. Voller Ehrfurcht erschauerte ich, verneigte mich vor Ihr. 

Ihre Augen waren geschlossen, Arme und Beine stützten den Himmel, der ihr eigener Körper war. Sie war so alt wie das Universum, sie war das Universum, ihr Körper der Himmel.

Ihre festen, großen Brüste waren von winzigen Sternen besetzt. Sie schien zu schlafen.

Sie war die Nacht.

Die Zeit stand still, während ich in Anbetung vor ihr verharrte.

Da hörte ich ein Rufen. Erst sehr leise, dann immer lauter tönte es: "Kira! Kira!"

Erstaunt wandte ich mich ab von der Himmelsgöttin, verwundert, dass es etwas gab, stark genug, mich von Ihr fort zu locken...

Wieder wisperte es: "Kira! Komm zu mir! Ich brauche dich! Kira!"

Ich konnte nicht länger widerstehen, so süß und verlockend klang jene Stimme. Ich fühlte mich von jenem mir fremden Namen mit vollkommener Selbstverständlichkeit angesprochen.

In Gedankenschnelle, ohne einen Reiseweg zurück zu legen, schwebte ich wieder in einem Raum.

Mir stockte- nichts! Auch mein Herz blieb nicht stehen. Das, was ich in jenem Augenblick zu sein schien, besaß weder ein organisches Herz noch Lungen.  Da lag ich- oder zumindest das, was ich bisher immer für "mich" gehalten hatte: mein Körper; zusammen gerollt, eine Hand unter den Kopf gelegt. "Ich" schien zu schlafen, jedoch nicht tief. Meine Pupillen bewegten sich unruhig unter den Lidern, meine Lippen formten Wortfetzen..."Kira...Kira!"

Dann spürte ich meinen linken Arm, der- wie immer- eingeschlafen war. Ich drehte mich auf den Rücken und öffnete die Augen.

Alles war wie immer. Und doch war es anders. Die Wände standen wieder still da, wo sie hin gehörten. Ich spürte meinen Körper, empfand ihn aber nicht als Last, sondern fühlte mich glücklich und bereichert.

Mein einfaches Schlafzimmer erschien mir als der wunderbarste Ort der Welt, so voller Geborgenheit. Ich fühlte mich der ganzen Welt verbunden. Vorbei das Gefühl der Leere und Sinnlosigkeit, das mich Tage und Wochen über gequält hatte. Selbst meine Einsamkeit konnte ich nun mit anderen Augen sehen, genoss die Ruhe und wusste.

Alles hatte seinen Sinn: all meine Beziehungen, meine Freundschaften, meine Arbeit, mein Wohnort, meine Reisen- mein ganzes Leben. Und so würde es immer sein.

Ich blinzelte verschlafen durch den Raum: War das alles wirklich nur ein Traum gewesen? Durch das kleine, wellige Fenster sah ich rot die Sonne aufgehen. Ich stand auf, suchte meinen Stift und schrieb in mein Tagebuch: "Bin gerade aus einem wundervollen Wachtraum aufgestanden. Alles hat einen Sinn. Bin glücklich.

Kira."



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